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Ich bin 22 Jahre alt, habe den Zivildienst gerade
hinter mir und die Sehnsucht, die Welt zu entdecken.
Also habe ich beschlossen, ein Jahr Europa hinter mir
zu lassen. Nach Chile und Bolivien bin ich nun in Peru
gelandet.
Mein erstes Ziel ist Puno, direkt am Titicacasee
gelegen, hierhin führt die Strasse von La Paz
in Bolivien kommend. Größte Stadt am über
3800 m hoch gelegenen See, welcher übrigens als
der höchstgelegene schiffbare der Welt gilt, mit
einer Bevölkerung, welche größtenteils
aus reinblütigen Indios besteht. Das Leben und
die Zeit schreiten hier und in einem langsameren Rhythmus
voran, kein Hasten und Rennen, alles sehr relaxt und
"muy tranquilo". Die Stadt ist für die
meisten Reisenden Ausgangspunkt, um die Inseln des Sees
zu besuchen, so auch für mich.
Ich stehe früh auf, packe meinen Rucksack und
mache mich auf den Weg zum Hafen, wo jeden Tag Boote
für die Einheimischen zu den Inseln Amantani und
Taquile ablgegen. Auf dem Weg dorthin verlangt mein
hungriger Magen nach etwas Nahrhaftem - ich sehe ein
Schild "desayuno - 1 sol" (Frühstück
1 sol , umgerechnet 40 US Cents ), denke mir : "Das
ist aber billig" - und versuche mein Glück.
Auf dem Teller ist etwas, was die Leute hier zum Frühstück,
Mittag und Abend essen - Reis mit Bohnen, ein Stück
Fleisch, dazu ein Getränk. Ich habe eine leicht
andere Idee von einem Frühstück, mache aber
keinen Rückzieher und schaufele tapfer den
ganzen Teller in mich hinein. So komme ich satt zum
Hafen, das Boot zur Insel Amantani - weniger für
den Tourismus erschlossen und mein Ziel heute - ist
bereit zum Ablegen. Ich springe hinein und los geht
die Fahrt über den Titicacasee. Das kleine Boot
ist vollgepackt mit Waren und Lebensmitteln der Indios
von den Inseln. Ich sitze oben auf dem Dach und genieße
die Sonne und die Aussicht, als für die wenigen
Touristen an Bord an einer der schwimmenden Inseln Halt
gemacht wird. Die Indios leben seit Jahrhunderten auf
diesen schwimmenden Gebilden aus Schilfgras, mit nicht
mehr Platz als für ein paar Hütten und Verschlägen
für die Hühner und Schweine. Inzwischen dient
es den Indios mehr zum Souvenirverkauf, denn zum wirklich
traditionellen Leben auf den Inseln - schade zu sehen,
welch negativen Einfluss Tourismus haben kann.
Nach mehrstündiger Fahrt erreiche ich Amantani,
die Handvoll Besucher wird auf verschiedene Familien
verteilt. Ein Mann vom Dorf bringt mich zu meinen Gastgebern
- ein süßes altes Paar, ich schätze
beide auf ca. 70 Jahre alt, in Wirklichkeit sind sie
wohl mindestens 15 Jahre jünger - und sprechen
kaum ein Wort Spanisch. Ich bekomme ein einfaches Bett,
drei Mahlzeiten am Tag sowie einige Kerzen für
die Abende. Die gesamte Insel ist ohne Stromversorgung,
inzwischen wurde von der Regierung ein Dieselgenerator
installiert, damit auch diese Leute in den zweifelhaften
Genuss des Fortschritts kommen können - hauptsächlich
Fernsehen für einige Abendstunden. Als Willkommen
bekomme ich etwas zu essen - Reis mit Gemüse sowie
eine Quinuasuppe (dem meistverbreiteten Getreide
der Einheimischen). Am späten Nachmittag starte
ich meine erste Erkundungstour. Der steinige Weg führt
bergauf, passiert Hunderte von Terrassenfeldern, welche
die gesamte Insel mosaikartig bedecken, zum höchsten
Punkt eines kleinen Berges. Von hier oben stelle ich
fest, dass dieses Eiland hauptsächlich aus zwei
großen Hügeln besteht, wobei ich mich auf
dem höchsten Punkt einer dieser Hügel befinde.
Die Überreste alter Inkagebäude befinden sich
hier, ich setze mich in ihre Nähe, lausche dem
steten Wind und schaue zu, wie die Sonne langsam hinter
den Bergen verschwindet. Höchste Zeit zum Zurücklaufen,
um noch vor Einbruch der Dunkelheit das Haus wieder
zu finden, um mein wohlverdientes Abendessen zu genießen.
Der Hausherr wartet schon etwas besorgt vor der Tür,
weil es fast finster ist als ich wieder eintreffe. Während
ich noch esse, dringen merkwürdige Geräusche
aus der Küche, oder besser gesagt, dem Raum wo
auf offenem Holzfeuer gekocht wird. Ich nehme an, dass
es sich um Ratten handelt. Mein Appetit verringert sich
schlagartig. Der Hausherr erklärt mir aber auf
mein Fragen hin mit Händen und Füssen, dass
dies Meerschweinchen seien - eine Leibspeise und Nationalgericht
der Peruaner!
Nach einer kühlen Nacht und dem Frühstück
breche ich erneut auf, um die restliche Insel zu entdecken.
Auf dem Weg zum anderen Hügel begegne ich einer
Indiofrau mit zwei Töchtern, die jüngere wird
noch im typischen bunten Tuch auf dem Rücken getragen,
die andere versteckt sich hinter ihrer Mutter, schaut
aber immer wieder verstohlen und scheu mit ihren großen
dunklen Kinderaugen zu mir herüber. Erst ein
Lächeln von mir zaubert ein ebensolches auf ihr
Gesicht. Ich setze meine Runde fort und raste an einem
schönen Fleck mit wunderschöner Aussicht über
den tiefblauen Titicacasee. Ich schaue einigen Männern
bei der Feldarbeit zu. Zuerst entfernen sie die Steine
aus dem Boden, danach pflügen sie mit einem für
unsere westlichen Verhältnisse primitiv anmutenden
Holzpflug, der hinter einen Ochsen gespannt ist.
Tagebuchschreiben gehört für mich zu den
wichtigsten Dingen auf Reisen und so verbringe ich meine
nächsten Stunden damit, bevor ich für den
Sonnenuntergang zurückkehre. Es ist einfach
ohne Worte - unbeschreiblich schön und friedlich,
die Abendsonne glitzert golden im strahlend blauen See,
im Hintergrund färbt sich das Weiß der schneebedeckten
Berge langsam von orange zu pink und violett. Ich bleibe
noch einen weiteren Tag auf der Insel, bevor ich, nach
herzlichem Abschied von meinen netten Herbergsleuten,
von denen ich mich nur schweren Herzens losreißen
kann, nach Puno zurückkehre.
Zurück in der Stadt muss ich mir dann überlegen,
wie ich am besten nach Cuzco komme, oder besser gesagt,
was ist die billigste Möglichkeit? Es gibt zwei
Alternativen, erstens den Zug- gemütlich und bequem,
aber relativ teuer, zweitens den Bus, 10 Stunden Nachtfahrt
über eine ungeteerte Straße, dafür eben
preiswert. Tja, was macht der Rucksackreisende mit schmalem
Budget? Er nimmt natürlich den Bus und eine schlaflose
Nacht in Kauf. Im letzten Jahr wurde diese Strasse komplett
asphaltiert, also eine gute Alternative zum Zug, welchen
trotzdem die meisten Reisenden bevorzugen.
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